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Produktion · Losgrößenplanung

Wie viel soll ich auf einmal produzieren, und wann fange ich wieder an?

Fertigung 2 Min Lesezeit
#losgroessenplanung #lot sizing #produktionsplanung #lagerkosten #ruestkosten #wagner whitin #mrp

Nachfrage bekannt, Kosten widersprüchlich: zu viel binden Kapital, zu wenig explodieren die Rüstkosten. Das klassische Losgrößenproblem hat seit 1958 eine Antwort für KMU.

Kurz gesagt

Eine der Grundfragen eines Herstellers: Es liegen Bedarfsdaten für eine Periode vor, jeder neue Produktionslos verursacht Rüstkosten (Werkzeugwechsel, Linieneinrichtung, Kalibrierung), Erzeugtes aber nicht sofort Verkauftes verursacht Lagerkosten (Lager, gebundenes Kapital, Veralterung). Der Plan, wie viel pro Woche zu produzieren ist, muss im Voraus stehen; mathematisch heißt das Lot Sizing Problem. Die Variante mit einem Produkt, deterministischer Nachfrage und ohne Kapazitätsgrenze wurde 1958 von Wagner und Whitin mittels dynamischer Programmierung gelöst. Mehrprodukt-, kapazitierte und mehrstufige Varianten wuchsen zu MRP, Capacitated Lot Sizing (CLSP) und Economic Lot Scheduling (ELSP) weiter.

Kommt Ihnen das bekannt vor?

  • Rüsten dauert 2-3 Stunden, produzieren 1 — ein Los starten ist ein halber Tag, kleine Lose verschwenden Zeit, große blähen das Lager.
  • Der wöchentliche Produktionsplan liegt in der Tabelle; der Betriebsleiter wählt die Losgröße per Bauchgefühl.
  • Das Rohwarenlager ist voll, bei Kundenauftrag fehlt das richtige Material; wir liefern 'nächste Woche' und verlieren Kunden.
  • Saisonprodukt; Bedarf hoch im Jan-Mär, niedrig im Apr-Jun; wir können nicht genug vor der Saison aufbauen.
  • Im Fertigwarenlager liegt Ware älter als 6 Monate; sie wird wegen Veralterung mit Rabatt verkauft.
  • Wir haben 8 Produkte mit verschiedenen Werkzeugen; Reihenfolge und Losgröße bestimmen wir intuitiv.
  • Das ERP rechnet MRP, ignoriert aber Rüstkosten; es schlägt jede Woche kleine Lose vor und multipliziert die Rüstungen.

Warum es wichtig ist

Verluste intuitiver Losgrößenwahl: (1) 0,5-3 Stunden Produktionsverlust pro Rüsten + Arbeit + Verbrauchsmittel — kleine Lose treiben Stückkosten um 15-30%, (2) große Lose binden Wochen lang Lager — Kapitalkosten 20-40%/Jahr, (3) Veralterung / Bruch / FIFO-Verletzungen 2-5% Ausschuss, (4) Stockouts 5-15% verlorene Aufträge. Akademische Studien zeigen 10-25% Gesamtkostenlücke zwischen Optimum und intuitiv. Ein KMU mit 100M TRY Umsatz bekommt ein Band von 2-12M TRY/Jahr Einsparung.

Wie wird es gelöst?

Technische Tiefe

In einem Satz: Jeder Losstart bringt eine fixe Rüstkostenpauschale; jedes produzierte, aber unverkaufte Stück zahlt jede Woche Lagerkosten. Balance: die Losgröße stimmt, wenn die Rüstkosten den Lagerkosten der nächsten N Wochen entsprechen. Aus der Balance heraus bekommt man entweder kleine Lose × viele Rüstungen oder große Lose × überquellender Bestand.

In der OR-Literatur (Operations Research — Disziplin, die mit Mathematik und Computereinsatz Geschäftsentscheidungen löst) ist dies das Lot Sizing Problem. Varianten: ein Produkt / deterministisch (Wagner-Whitin, polynomial — auch im Großen in akzeptabler Zeit lösbar), ein Produkt / kapazitiert (CLSP, NP-hart — im Großen ist das exakte Optimum nicht in akzeptabler Zeit erreichbar), mehrere Produkte / kapazitiert (Multi-Item CLSP), mehrstufig (MRP-basiert). Lösung in drei Stufen:

1. Modellierung. Planungshorizont (4-12 Wochen typisch), periodischer Bedarf, periodische Stückproduktionskosten, periodische Rüstkosten (Werkzeugwechsel, Linie, Kalibrierung), Stücklagerkosten, ggf. Kapazitäten (Maschinen-/Personenstunden) und Anfangs-/Endbestand. Multi-Produkt: Rüstzeitmatrix (Übergang A→B).

2. Plan mit Solver. Wagner-Whitin löst ein Produkt / ohne Kapazität / deterministisch in Sekunden optimal via DP. Kapazitiert mehrproduktig: MIP-Formulierung, Relax & Fix, Dantzig-Wolfe. Praktische Heuristiken: Silver-Meal, Part-Period Balancing, Least Unit Cost. Output: welches Produkt, wie viel, in welcher Woche.

3. Feldintegration. Output sind wöchentliche Fertigungsaufträge ins ERP / MES. Materialbedarf rückwärts (MRP-Logik), Lieferantenbestellungen werden ausgelöst. Produktionslinie plant Rüsten (Werkzeugwechsel, Reinigung). Tagesproduktionslisten erreichen den Operator per Tablet oder Drucker."

Alternativen

Manuell + Tabelle + Erfahrung des Betriebsleiters

Kostenlos

Kostenlos

Für wen geeignet: Ein Produkt oder 2-3 SKUs, sehr stabile Nachfrage

  • + Keine Kosten
  • + Flexibel
  • + Mit erfahrenem Betriebsleiter gutes Ergebnis
  • − Über 5 SKUs unhaltbar
  • − Rüst-Lager-Abwägung intuitiv
  • − Wissen in der Person
  • − Saisonalität / Aktionen kaum planbar

ERP-MRP-Modul

Enterprise

30.000–120.000 TRY Lizenz + 6.000–15.000 TRY/Jahr Wartung (TR-Marktbeobachtung)

Für wen geeignet: Mittlerer Hersteller, 10-100 SKUs

  • + ERP-integriert
  • + Lokalsprachlicher Support
  • + Reorder point + Lot-for-Lot, EOQ, POQ
  • − Fortgeschrittene Algorithmen wie Wagner-Whitin meist fehlen
  • − Rüst-Lager-Optimierung schwach
  • − Mehrstufig kapazitiert schwach

Internationale spezialisierte APS

Enterprise

30.000–200.000 EUR Lizenz + 10.000–30.000 EUR/Jahr

Für wen geeignet: Groß, Multi-Produkt / Multi-Linie / Multi-Standort

  • + MIP/CP-basierte Optimierung
  • + Mehrstufig, kapazitiert
  • + What-If, Saisonplan, S&OP-Integration
  • − Teuer
  • − Einführung 6-12 Monate
  • − ERP-Integration eigenes Projekt

Open-Source-Solver + Eigenentwicklung

Open Source

Lizenz kostenlos; 10-16 Wochen intern oder 250K-800K TRY Beratung

Für wen geeignet: KMU mit Tech-Team und vielen Sonderregeln

  • + Keine Lizenz, volle Anpassbarkeit
  • + Reife Open-Source-MIP-Solver reichen
  • + Geschäftsregeln im Code
  • − OR-/Software-Kapazität nötig
  • − Dauerhafte Wartung
  • − UI separat

Empfehlung

Klein
1-5 SKUs, stabile Nachfrage: manuell + Tabelle reicht. EOQ-Formel in der Tabelle bringt 80% des Nutzens.
Mittel
5-50 SKUs mit Saison: ERP-MRP + Silver-Meal-/Wagner-Whitin-Aufsatz. 8-10 Wochen Pilot. 10-18% Gesamtkostenverbesserung.
Groß
50+ SKUs, kapazitiert, mehrlinig: APS + ERP. Jahresinvest 1,5-5M TRY. ROI 12-24 Monate. 15-30% Verbesserung.

Im Gespräch fragen

  • Unterstützen Sie Wagner-Whitin oder einen vergleichbaren DP-Algorithmus?
  • Können Rüstkosten produkt- und übergangsabhängig (sequence-dependent setup) modelliert werden?
  • Lösen Sie kapazitiertes Multi-Produkt (CLSP)? MIP oder CP?
  • Werden Saisonalität und Aktionen via What-If unterstützt?
  • Welche Protokolle für ERP-/MES-Integration? Werden Aufträge automatisch erzeugt?
  • Welcher Planungshorizont (4-12 Wochen typisch)? Rolling Horizon?
  • Können wir einen 4-8-wöchigen Pilot mit Echtdaten durchführen?
  • Wie bekommen wir Stammdaten und historische Pläne im Standardformat zurück, wenn wir die Zusammenarbeit beenden?

Technische Details

Anmerkung der Redaktion

Umgangssprachlich „Losgröße", „Auftragsgröße" oder „MRP-Planung". Akademisch Lot Sizing Problem (LSP). Die klassische EOQ-Formel von Harris (1913) ist statisch / kontinuierlich; reale Produktion hat periodenweise schwankende Nachfrage, weshalb Wagner-Whitin (1958) die dynamische Version baute. Ohne den Unterschied zu kennen, akzeptiert man „wir rechnen EOQ" als ausreichend — nötig ist periodisches Lot Sizing.

Was in der Praxis am häufigsten übersehen wird: die echten Rüstkosten. Meist heißt es „1-2 Stunden Rüsten" — tatsächlich ist die Maschine still, der Operator beschäftigt, Verbrauchsmittel weg, das erste Teil Ausschuss bei Kalibrierung. Echte Rüstkosten sind oft das 2-3-Fache des genannten Wertes.

Schritt für Schritt — für das KMU

Stufe 1 — Erst messen. Mind. 8 Wochen Daten: wöchentliche Produktion je SKU, echte Rüstzeit/-kosten, Stückkosten, Lagerkostensatz (% p.a.), Lieferbereitschaft. Bei Saison 1 Jahr.

Stufe 2 — Wissensvermögen extrahieren. Produktstammdaten, Rüstmatrix (A→B Zeit/Kosten), Kapazitäten, Bedarfsprognose mit Saisonalität.

Stufe 3 — Pilot. 8-12 Wochen, 5-10 SKUs. Erfolgskriterien vorher: Kosten pro Rüsten -10%, Lagerumschlag +15%, Servicegrad stabil. Betriebsleiter + Planer als Champions.

Stufe 4 — Roll-out. 3-6 Monate alle SKUs. ERP/MES-Integration. Monatlicher S&OP-Zyklus.

Risiken — was schiefgehen kann

  1. Prognosefehler. Wagner-Whitin nimmt deterministische Nachfrage an; Prognosen irren. >20% Fehler → falsche Losgröße. Rolling Horizon + Sicherheitsbestand.
  2. Falsche Rüstkosten. Messen, nicht raten. 50% Untertreibung → algorithmus schlägt zu kleine Lose vor.
  3. Bedienerwiderstand. „Computer sagt mir nicht, was zu produzieren ist" häufig. Output zuerst als Empfehlung.
  4. Single-Vendor-Lock-in. Bedarfshistorie und Produktionspläne sind kritisch. Standardexport im Vertrag.

Lösungsmethode — technischer Blick

AnsatzTypische GrößeLösezeitGarantiertes Optimum?
Wagner-Whitin (1 Produkt, unkapazitiert)T = 50-100 PeriodenSekundenJa (DP)
EOQ / kontinuierlich1 Produkt, stabile NachfragesofortNein (statisch)
Silver-Meal / Part-Period1/n ProdukteSekundenNein, 85-95% optimal
MIP (CLSP)10-50 SKUs, T = 12-26 WochenMinutenJa (Limit)
Lagrange / Relax & Fix100+ SKUs, mehrstufigMin.-Std.Nein, 95-98%

Zielfunktion wählen:

  • Ziel 1 — Gesamtkosten (Rüsten + Lager + Produktion): Standard.
  • Ziel 2 — Maximaler Servicegrad: wenn Stockout-Strafe hart ist.
  • Ziel 3 — Kapazitätsausgleich: wenn Auslastung Priorität ist.
  • Ziel 4 — Output pro Rüsten (OEE-ähnlich): Effizienz."

Multi-Objective: gewichtete Summe oder hierarchisch.

Akademische Quellen

Siehe sources im Frontmatter.

Quellen

  • Wagner, H. M. und Whitin, T. M. (1958). Dynamic version of the economic lot size model. Management Science, 5(1), 89–96. Grundlagenartikel der Lot-Sizing-Literatur.
  • Florian, M., Lenstra, J. K. und Rinnooy Kan, A. H. G. (1980). Deterministic production planning: Algorithms and complexity. Management Science, 26(7), 669–679. Komplexität der kapazitierten Version.
  • Silver, E. A. und Meal, H. C. (1973). A heuristic for selecting lot size requirements for the case of a deterministic time-varying demand rate and discrete opportunities for replenishment. Production and Inventory Management, 14(2), 64–74.
  • Türkisches Statistikamt — Industrieproduktionsindex (monatlich). Referenz für KMU-Produktionsvolatilität.
  • Türkisches YÖK-Thesenzentrum — Stichworte: ‘Losgröße’ oder ’lot sizing’ — 60+ Arbeiten. tez.yok.gov.tr

Glossar

Lot Sizing
Festlegung der pro Periode zu produzierenden Menge über einen Planungshorizont, mit Abwägung zwischen Rüst- und Lagerkosten.
Wagner-Whitin-Algorithmus
Klassischer DP-Algorithmus, der das einproduktige, unkapazitierte, deterministische Lot-Sizing-Problem optimal löst.
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